Geschichte des Martinswerkes

FRIEDEL BIRKER - PFARRER, GRÜNDER UND UNTERNEHMER

Ein Mann, der gleichzeitig Pfarrer und Unternehmer ist, das scheinen zwei Seiten einer Medaille zu sein, die nicht zueinander passen. Dem Seelsorger, der sich um seine Gemeinde bemüht, traut man kaum zu, gleichzeitig Unternehmer zu sein. Auf der einen Seite Zuwendung und Fürsorglichkeit und auf der anderen die Fähigkeit zum Unternehmertum, die bisweilen Härte und menschlich grenzwertige Entscheidungen notwendig werden lässt. Und doch, Alfed Emil Birker, geboren am 31.07.1907 in Langensalza/Thüringen, war ein Mensch, der diese beiden Talente in seiner Person vereinigte.

Der zentrale Ort seines Wirkens war die kleine Gemeinde Dorlar im Sauerland, heute bekanntermaßen ein  Ortsteil der Stadt Schmallenberg. 1919 verzog Friedel, wie er zeitlebens genannt wurde und genannt werden wollte, mit seinen Eltern, Emma und Emil, nach Dorlar. Birkers übernahmen dort eine Molkerei. Diese Molkerei, eine frühere Mühle, wurde, was damals niemand ahnen konnte, zur Keimzelle des Martinswerkes. Bevor es allerdings soweit war, veräußerten die Eltern 1925 die Molkerei und zogen nach Siegen, um dort, wie es auf einer zeitgenössischen Photographie aus jenen Jahren zu sehen ist, ein Geschäft mit feinsten Molkereiprodukten zu betreiben. Die Verbindung nach Dorlar aber blieb immer bestehen. Als der Nachfolger in Dorlar Konkurs anmelden musste, griffen Birkers zu und erwarben die Alte Mühle aus der Konkursmasse. Der einzige Sohn erhielt das Fachwerkgebäude im Leiße-Tal zum Geschenk - ein Wechsel auf die Zukunft, wie man heute weiß.

Friedel, inzwischen Student der Theologie, konnte sich nun seinen Herzenswunsch erfüllen und ein christliches Jugendheim aufbauen. Am 31.07.1932, seinem 25. Geburtstag also, wurde das evangelische Jugendheim feierlich aus der Taufe gehoben. Nach Martin Luther und dem heiligen Martin von Tours erhielt es den Namen Martinswerk.

Bevor wir die Geschichte und Entwicklung des Martinswerkes aber weiter verfolgen, lassen sie uns einen genaueren Blick auf die Person Birkers werfen. Wie und wo entsteht solche Schaffenskraft? Was ist das für ein junger Mann, der eben 25 Jahre alt, genau weiß, das wird mein Weg und meine Bestimmung sein?

Friedel Birker muss mit einer sehr starken Mutter aufgewachsen sein, die bei ihrem einzigen Kinde Friedel den offensichtlichen Wunsch hatte, dass aus diesem Burschen etwas wird. Wie stark Mutter Birker war, wird deutlich aus den Skizzen, die Friedel Birkers späterer Sekretär, Horst von Pusch, über seinen Pfarrer gezeichnet hat. Von Pusch berichtet, dass sich Frau Birker in Brauner Zeit prinzipiell nicht bereit erklären konnte, die Hand zum so genannten Deutschen Gruß zu heben. In der Konfrontation mit einem SS-Mann muss dies so unmissverständlich gewesen sein, dass man sie über einen längeren Zeitraum hinweg bei zuverlässigen Bekannten unterbrachte, um so einen KZ-Aufenthalt zu verhindern. Dass derartige Willensstärke bei einem Sohn starken und manifesten Eindruck hinterlässt, steht außer Frage.

Ebenso prägend aber mag gewesen sein, dass ihm die Familie nie viel Zeit gab, an einem Ort wirklich Wurzel zu schlagen. Da war der Umzug von Langensalza nach Dorlar und schon sechs Jahre später der von Dorlar nach Siegen. Sein leben lang hat dieser Mensch in einem Spannungsfeld von Heimat und Ferne gelebt. Bisweilen erklärte er schlicht und ergreifend die Ferne zur Heimat. So geschehen in der Schweiz. Birker, der schon als junger Tübinger Student das Tessin bereiste und begeistert von der Landschaft war, hatte etwa 20 Jahre später Gelegenheit dort Grund zu erwerben und tat dies. Der kleine Ort am Lago Maggiore, wo er diesen Grund erwarb, heißt San Nazzaro. Wer zu denen gehört, die in seinen Reiseaufzeichnungen schmökern durften, versteht, da reiste nicht nur jemand in das Tessin, er wurde auch nach und nach zum Tessiner.

Wir haben einen Menschen vor uns, der lernte, was es heißt Charakter zu besitzen und immer auch am Fremden und Neuartigen Interesse fand. Kaum geeignet für die Uniformität und Gleichschaltung, die mit dem Nationalsozialismus auf diesen jungen Mann wartete. So kann es auch nicht verwundern, dass Birker mit den von den Nationalsozialisten unterstützen Deutschen Christen auf keinen Nenner kam. Von Pusch schreibt dazu, dass Friedel Birker für die Deutschen Christen keine Meinung gehabt habe, sie seien in Birkers Augen Deutsche Heiden gewesen. Folgerichtig schloss sich Birker der bekennende Kirche Martin Niemöllers an und absolvierte dort eines seiner Examen.

Wenn wundert, dass er vor diesem Hintergrund nicht lange Herr im eigene Hause blieb. Schon 1934, zwei Jahre nach der Gründung des christlichen Jugendheimes und im Zuge der Gleichschaltung aller Jugendarbeit durch die Nazis, wurde die Einrichtung wieder geschlossen und zwangsweise zum Müttererholungsheim der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt). Für den Lehrvikar und bekennenden Christen ein herber Schlag. Andachten und Gottesdienste durften nicht mehr gehalten werden und über seinem Werk wehte die Hakenkreuzfahne. Seine und die Marschroute des Martinshofes in dieser Zeit hat Birker 1949 einmal so beschrieben: "Was auch immer in den nächsten Jahren auf dem Martinshof an Arbeit getan werden musste, Landjahrschule und Müttererholung, Werkserholung und zuletzt Aufnahme eines Lazarettes, alles wurde begonnen und getan unter der Losung jenes Wortes aus dem Korintherbrief: Alles ist teuer, in froher Weite und lebendiger Hoffnung. Es fand aber stets seine klare und eindeutige Eingrenzung in dem zweiten Teil jenes Wortes: Ihr aber seid Christi. Und so schloss sich der Martinshof und seine Bewohner der Bekennenden Kirche Deutschlands an und blieb ihr treu, obgleich hierdurch die Grundlagen des Heimwesens in Frage gestellt wurden."

Wie viele andere Geistliche wurde Friedel Birker während des Krieges zum Sanitätsdienst eingezogen und leistete diesen im Reservelazarett des Wehrbereiches Westfalen in Oeventrop ab. In den letzten beiden Kriegsjahren wurde Birkers Alte Mühle, wie schon erwähnt, zur Außenstelle des Reservelazaretts und beherbergte zeitweise bis zu 60 Verwundete. Als Friedel Birker am 08.05.1945, glücklicherweise ohne Gefangenschaft, aus dem Kriegsdienst entlassen wurde, kehrte er unmittelbar auf den Martinshof zurück.

Der Martinshof wurde Auffangbecken für das Strandgut des Krieges. Er wurde erste Station für Heimatlose und Vertriebene. Neben alten Menschen, waren es vor allem die Kinder, die Birker nach Kräften zu unterstützen suchte. Bisweilen lebten, aus heutiger Sicht unvorstellbar, 400 Menschen am Martinshof, der zum damaligen Zeitpunkt eine Ansammlung von gerade einmal vier Häuschen war. Für Mitarbeiter mussten behelfsmäßige Notunterkünfte geschaffen werden und selbst die 1951 erbaute Petri Kirche wurde zeitweilig als Unterkunft genutzt.

In dieser Zeit wurde der Unternehmer Birker geboren. Der tatkräftige Mann hatte schnell verstanden, dass Liebe und guter Wille allein nicht genügen. Jahr fär Jahr wurden neue Projekte angeschoben: 1951 wurde der Heidhof gebaut, 1954/55 das Martin-Luther-Haus und 1955/56 das Maria-Martha-Haus. Im Jahre 1953 erwarb Birker erste Grundstücke im Tessin (Schweiz) und erbaute dort ebenfalls ein Kinder- und Erholungsheim. Eine Einrichtung, in der Kinder und Jugendliche bis zu einjährige Erholungsaufenthalte verleben konnten. Aber auch damit nicht genug; den rührigen Pfarrer trieb es noch weiter nach Süden, so dass das Martinswerk noch heute über Grundstücke auf Korsika verfügt.

Birker war wahrlich ein Unternehmer, aber, das ist ebenso überliefert, nicht immer der besonnene Betriebswirt. Hier wird ihm in der Not sein sprichwörtlicher Charme geholfen haben, sich, a la Münchhausen, aus dem Sumpf zu ziehen. Ein Charme, der aber nicht nur Nothelfer war, sondern prinzipiell viele Türen öffnete und Kontakte erschloss. Birker war ein Menschenfischer. So unterhielt er beste Kontakte zur ersten Kultusministerin des Landes NRW, Fr. Christine Teusch. Eine resolute Person und in der Wolle gefärbte Christin, die so ganz nach dem Geschmack Friedel Birkers war. Zentrumsabgeordnete vor den Nazis, dann kaltgestellt und nach dem Kriege christliche Demokratin, mit einer Bilderbuchkarriere bis ins Ministeramt hinein. Aber auch der hartnäckige und dickschädelige Pfarrer aus dem Sauerland, wird einen nachhaltigen Eindruck bei der prominenten Politikerin hinterlassen haben. Nicht unbeachtet mag auch geblieben sein, dass dieser Pfarrer, von der Amtskirche ganz und gar unerwünscht, Mitglied der Christlich Demokratischen Union war.

Der Industrielle und Gründer der Honsel Werke, Dr. Fritz Honsel, gehörte ebenfalls zu den Bekannten des rührigen Pfarrers. Dr. Honsel aber war nicht nur Bekannter, er war auch Nachbar. Das Anwesen Honsels lag in San Nazzaro beinah auf Rufweite zu La Fontanella, der Anlage des Martinswerkes.

Der Industrielle war es denn auch, den Friedel Briker für den Bau der evangelischen Kirche in Wenholthausen gewann. Die Familie Honsel fühlt sich diesem Erbe übrigens bis heute verbunden und verpflichtet. Noch vor wenigen Jahren ließ Hr. Hans-Dieter Honsel, Enkel des Gründers der Honsel Werke, die Kirche umfangreich renovieren.

Aber auch bei den Kirchenhierarchen hatte Birker, salopp gesagt, einen Stein im Brett. Als einige seiner Aufenthalte in San Nazzaro auszuufern schienen, wurde San Nazzaro augenzwinkernd seiner Heimatgemeinde zugeschlagen - Problem gelöst.

Im Sommer 1967 erkrankte Birker an Krebs, wurde in Bethel operiert, und schien bald zu alter Schaffenskraft zurück zu finden. So wurde 1968 das Haus Hedwig errichtet. Bevor allerdings sein Hauptwerk, das Kinderdorf, so wie wir es heute kennen, fertiggestellt werden konnte, brach erneut der Krebs aus. Eine weitere Operation wurde nötig, der körperliche und psychische Höhen und Tiefen folgten. Friedel Birker wurde schließlich aus dem Pfarrhaus ins eben erbaute Haus Hedwig herübergeholt und dort von Schwester Hanna Eggers aufopferungsvoll gepflegt. Von der Krankheit schwer gezeichnet, leistete Birker noch 112 Unterschriften, um so den Weg  zur Errichtung des Kinderdorfes zu bereiten. Zeit seines Lebens eine Imposante Gestalt von gut 1,90 m Größe und weit über 100 Kilo Gewicht, war Friedel Birker zum Schluss abgemagert auf 35 Kilo. Am 03.07.1969 verstarb Pfarrer Friedel Birker. Er wurde am 06.07.1969 auf dem von ihm selbst 1937 eingeweihten Friedhof, neben seinen Eltern, beigesetzt.

Friedel Birker hatte aber nicht nur baulich sein Feld bereitet. Mit Schwester Margarete Samsz, Karl- Heinz Deutschmann und später Pastor Hans-Jürgen Graeske waren Menschen gefunden, die das Werk in seinem Sinne weiterführten. Sie stellten entscheidende Weichen für den heutigen Bestand des Martinswerkes.

Das Martinswerk e. V. Dorlar, so wie es heute heißt, gibt es noch immer. Es gehört inzwischen zu den großen Einrichtungen der Jugendhilfe in Nordrhein-Westfalen. Aus den Anfängen haben Leitung, vor allem aber die Erzieherinnen und Erzieher, eine Institution geschaffen, die inzwischen über die Grenzen des Bundeslandes hinaus einen guten Ruf genießt. Das Werk bietet heute insbesondere Spezialmaßnahmen an. Es werden Kinder und Jugendliche unterstützt und gefördert, die Opfer von Missbrauch wurden; Überaktive werden pädagogisch-therapeutisch begleitet; sogenannte frühkindlich Deprivierte erhalten einen angemessenen Schon- und Schutzraum. Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt der Hilfsangebote, die das Martinswerk heute zur Verfügung stellt. Aber es ist augenfällig, wie viel sich verändert hat. Waren es zu Zeiten von Pfarrer Friedel Birker die Heimatvertriebenen und Kriegswaisen, die vom Martinswerk aufgenommen wurden, stellt das Martinswerk heute ein pädagogisch-therapeutisches Angebot dar, das, dem Kinder- und Jugendhilfegesetz folgend, von jedermann genutzt werden kann. Hilfen in oder bei der Erziehung werden längst nicht mehr vordringlich von sozial schwachen Eltern in Anspruch genommen. Computerspiele, Privatfernsehen und Internet, aber auch Drogen und Kriminalität  sind zu bedeutenden Gegnern im erzieherischen Alltag geworden. Heute Kinder zu erziehen, hat mit der Heilewelt-Idylle der klassischen bürgerlichen Kernfamilie keinen Hauch mehr gemein. Eltern heute müssen nicht nur ihr Kind erziehen, sie müssen auch gegen eine dominierende mediale Umwelt erziehen und stehen damit in einem beinahe aussichtslosen Kampf. Ohne Cassandra spielen zu wollen, darf man wohl davon ausgehen, dass die Inanspruchnahme professioneller Erziehungsangebote in einigen Jahren ebenso zum Alltag gehören wird, wie psychotherapeutische Hilfen oder der Gang zum Hausarzt. Der medialen Überfremdung des Erziehungsalltags wird man nur noch in Einzelfällen mit Bordmitteln und ohne professionelle Hilfe gegenübertreten können.